"Meine Kirche in 50 Jahren"

Brauchen wir in unserer postmodernen Zeit keine Religion mehr?, fragt Karl Brauer

Wenn ich über meine Kirche in 50 Jahren nachdenke, so muss ich mir zunächst die Frage stellen, was ist eigentlich meine Kirche? Ist es die Evangelische Kirche in Deutschland, ist es die Evangelische Kirche im Rheinland oder ist es die Clarenbachgemeinde in Köln-Braunsfeld?

Ist es die kirchenhistorisch gewachsene und durchstrukturierte Institution an sich oder gar die ekklesiologische Gemeinschaft der gläubigen Christinnen und Christen? Ist es ein Gebäude oder nur ein religiös-sinnliches Empfinden? Sicherlich macht meine Kirche im Moment ein bisschen von all dem Genannten aus. Aber in 50 Jahren? In dieser Zeit wird sich viel verändern. Oder besser gesagt: In dieser Zeit muss sich viel ändern.

Blick auf die Mitgliederentwicklung
Blicken wir allein auf die Mitgliederentwicklung innerhalb unseres Kirchenverbandes Köln und Region, so ist festzustellen, dass unserer Kirche mehr und mehr Menschen aus den verschiedensten Gründen den Rücken kehren. Im Jahr 1997 waren es noch 312.000 Gemeindeglieder, jetzt sind es 280.600. Zahlreiche Theologen und Philosophen sprechen in diesem Zusammenhang gar von dem Beginn eines religionslosen Zeitalters; von einer Welt, in der immer mehr religiöse Weltanschauungen auf einem uferlos gewordenen Markt der Möglichkeiten respektiert werden müssen, viele Menschen sich jedoch keiner Religionsgemeinschaft mehr zugehörig fühlen.

Vor allem junge Menschen ansprechen
Brauchen wir also in unserer postmodernen Zeit keine Religion mehr? Mitnichten! Das Gegenbeispiel zeigen die stark wachsenden evangelisch-freikirchlichen Gemeinden in Köln, denen es gelingt, vor allem junge Menschen anzusprechen und in der Gemeinschaft zu Christus zu binden.

Nicht mehr individuell im stillen Kämmerlein
Meine These ist dementsprechend: Heute und auch in 50 Jahren werden Menschen von den Kräften der Religion und besonders von der frohen Botschaft des Christentums berührt. Spirituelle Erfahrungen werden aber weniger individuell im stillen Kämmerlein, sondern mehr in der Gruppe gemacht. Meiner Ansicht nach wird die persönlich-religiöse Gemeinschaft das entscheidende Kriterium für die Zukunftsfähigkeit unserer Kirche sein.
Ausschnitt aus der Kanzel der Clarenbachkirche.
Wie wird nun meine Kirche aussehen? Meine Kirche in 50 Jahren ist …

… generationsübergreifend lebendig und bietet Suchenden jedweder Couleur eine religiöse Heimat. Sie hat keine Mitglieder, sondern ausschließlich Glieder. Sie bildet einen Leib mit vielen verschiedenen, sich einbringenden und gegenseitig achtenden Gliedern, so wie es Paulus einst geraten hat (Röm 12,4). Kirchliche Gemeinschaft wird viel mehr als heute in kleinen, miteinander verbundenen Gruppen stattfinden, die sich durch eine persönliche Kontaktpflege auszeichnen. Urchristliche Hauskreise werden geistliche und inspirationsspendende Inseln im einem zumeist religiös gleichgültig gewordenem Umfeld bilden. Das Engagement für die gemeinsamen Wertvorstellungen wird bedeutend sein.

… selbstbewusst im Evangelium. Sie nimmt es nicht lediglich zur Kenntnis, dass durchschnittlich 3,7 Prozent aller Gemeindeglieder den Sonntagsgottesdienst besuchen (EKD-Statistik, 2011), sondern legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Mission, vor allem auf die notwenig gewordene innere Mission. Nicht ausschließlich sozialethische Themen und das zentral-christliche Argumentationsdogma der Nächstenliebe (Lk 10,30-37) bestimmen die Predigten, sondern es findet in den Kirchen eine lebensnahe und hoffnungsstiftende Auseinandersetzung mit dem Evangelium statt. Die kirchliche Nähe zur wirklichen Lebensumwelt der Menschen wird bedeutend sein.

… lebt ihre Hierarchien nach dem Bottom-up-Prinzip und baut sich ausschließlich von unten nach oben auf. Die Amtsträger werden sich nicht mehr primär als Verwalter, sondern als Gestalter des Gemeindelebens verstehen. Die heute noch bei zu vielen Pfarrerinnen und Pfarrern präsente Amtsarroganz in der Begegnung mit ihrer eigenen Gemeinde erübrigt sich durch eine schnelle Abwahl durch die Gemeinde selbst, durch eine selbstverständlich und auch freiwillig gewordene Kultur des Wechsels im Amt - eben auf der Grundlage des kirchenjuristische ohne wenn und aber umgesetzten Bottom-up-Prinzips. Das fortwährende und gemeinsame Bauen am Gemeindeleben von Amtsträgern und Gemeindegliedern wird bedeutend sein.

… weitgehend ökumenisch geprägt. In der Öffentlichkeit tritt sie mit unseren katholischen Freunden Seite an Seite auf und hat zu vielen theologischen Fragestellungen und Trennungsgründen einen schriftgemäßen Kompromiss gefunden. Evangelische und katholische Jugendliche feiern miteinander Abendmahl und die frohe Botschaft unseres Herrn steht über dem theologisch Trennenden der letzten Jahrhunderte. Die Ökumene wird kirchlich und gesellschaftlich bedeutend sein.

Ich blicke hoffnungsvoll auf 2067, denn schließlich werden wir dann 550 Jahre Reformation feiern.

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Dies ist der fünfte Beitrag der Reihe „Meine Kirche in 50 Jahren“. Hier ein paar Infos zu unserem Autor:
Karl Brauer wurde 1987 in Apolda (Thüringen) geboren und lebt mit einer kurzen Unterbrechung seit 2007 in Köln. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach dem Studienabschluss der Evangelischen Theologie und der Sozialwissenschaften für das Lehramt in Köln und Bonn arbeitet er seit 2013 am Institut für Evangelische Theologie der Universität zu Köln im Bereich der historischen Theologie für Professor Dr. Siegfried Hermle als wissenschaftlicher Mitarbeiter.
Seine Schwerpunkte im Gemeindeleben liegen in den Bereichen der Kinder- und Jugendarbeit sowie der theologischen Ausgestaltung und Reflexion. So bringt er sich im Jugendausschuss sowie im Theologie- und Gottesdienstausschuss mit ein. Darüber hinaus leitet er einen Hauskreis innerhalb der Gemeinde.


Text: Karl Brauer
Foto(s): : Clarenbachgemeinde