Was junge Menschen zum Salafismus verführen kann

Tagung im Schulreferat mit Dominic Musa Schmitz

Das Schulreferat des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region hat gemeinsam mit den Schulreferaten des Erzbistums den früheren ökumenischen Gesamtschultag wiederbelebt. Von evangelischer Seite gehörten Schulreferent Thomas vom Scheidt und die Lehrerin an der Willy-Brandt-Gesamtschule in Höhenhaus, Pfarrerin Elke Kuhn, zum Vorbereitungsteam der Fortbildungsveranstaltung im Haus der Evangelischen Kirche. Teilnehmer erfuhren von Dominic Musa Schmitz, was junge Menschen zum Salafismus verführen kann.

Nach der Begrüßung durch Thomas vom Scheidt hielt der Experte für Interreligiösen Dialog beim Erzbistum Köln, Dr. Thomas Lemmen, den Hauptvortrag „Ich blick' da nicht mehr durch – Die Vielfalt des Islam als Herausforderung für die Schule“. Der Träger des Deutschen Dialogpreises 2014 betonte: „Die Vielfalt des Islam an Schulen ist unsere gemeinsame ökumenische Verantwortung.“

„Star Trek“ und „Star Wars“
Lemmen stellte die Menschheits-Visionen in den Science-Fiction-Filmen „Star Trek“ und „Star Wars“ gegenüber. „Sind wir wie die Besatzung des Raumschiffes Enterprise in der Lage, Unterschiede zu überwinden, um im gemeinsamen Auftrag unterwegs zu sein? Oder wollen wir den ewigen Kampf ‚Gut gegen Böse‘ wie im Krieg der Sterne?“, fragte der Hochschuldozent. Er habe den Eindruck: „Die Zeiten der dunklen Mächte sind wieder da.“

Islamische Vielfalt
Warum und wie sich die sunnitische und die schiitische Prägung des Islam auseinanderentwickelte, erläuterte Lemmen in einem geschichtlichen Abriss. Der Überlieferung zufolge erschien der Erzengel Gabriel Mohammed im Jahr 610 nach Christus, um ihm die Botschaft zu überbringen, dass es nur einen Gott gibt und ihn zum Propheten dieses einen Gottes zu berufen. In der Koran-Sure 11, 1-4 ist nachzulesen, dass es dem Islam nicht allein um die Glaubenslehre geht, sondern ebenso darum, aus dem Glauben heraus im Leben das Richtige zu tun. „Das soll auch in anderen Religionen so vorkommen“, meinte Lemmen, was die etwa 40 Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer zum Schmunzeln brachte.

Streit um die Nachfolge des Propheten
Lemmen klärte den negativ belegten Begriff „Scharia“ für islamisches Recht. „Die Scharia ist nichts anderes als der Versuch, dem praktizierten Glauben eine Form zu geben.“ Quellen für die Richtlinien seien der nach dem Tod des Propheten entstandene Koran und sein Lebenswerk. Für die Sammlung der Handlungen Mohammeds wurde auf drei glaubwürdige Zeitzeugen zurückgegriffen, die Lemmen mit Aposteln verglich: die ersten Statthalter (Kalifen) Abu Bakr und Ibn Umar sowie Mohammeds Lieblingsfrau Aischa. Während die Schiiten auf Erbfolge in der Gemeindeleitung pochten und allein Mohammeds Cousin und Schwiegersohn Ali als rechtmäßigen Stellvertreter anerkannten, wollten die Sunniten aus Mohammeds Vertrautenkreis Kalifen wählen.

Entstehung des Salafismus
Im 19. Jahrhundert setzte unter sunnitischen Muslimen eine Rückbesinnung auf den Ur-Islam ein. Der Salafismus, der sich vom arabischen Wort „salaf“ für Altvordere ableitet, kehrte sich ab von der Auslegungsgeschichte und den Lehren der Rechtsschulen. Der Koran wurde buchstabengetreu verstanden. Die Anhänger versuchten so zu leben, wie sie sich die Zeit des Propheten vorstellten.

„Es hat sich gut angefühlt“
Ungeliebtes Scheidungskind aus bürgerlichem Haus, Außenseiter unter Gleichaltrigen, Schulschwänzer, als Jugendlicher Drogenkonsument und Nichtstuer, der sich aufgegeben hat - Dominic Musa Schmitz bedient mit seinem Lebenslauf fast sämtliche Klischees eines jungen Mannes, der in die Fänge von Salafisten gerät. „Jeder Dritte an meiner Schule hat diese Biografie und wird trotzdem nicht radikal“, wandte eine Lehrerin ein. „Mir fehlten Gespräche, deshalb halte ich Vertrauenslehrer für sehr wichtig“, antwortete der Autor des Buches „Ich war ein Salafist. Meine Zeit in der islamischen Parallelwelt“.

Locken mit Belohnungssystem
„Der Salafismus bietet ein Belohnungssystem“, erklärte der Aussteigerbegleiter beim NRW-Innenministerium Thomas Schwengers. „Aber Du hast immer wieder eigene Entscheidungen getroffen. Du bist verantwortlich“, hakte der Pädagoge ein. Schmitz hatte dem Marokkaner die Tür geöffnet, der sich als vorbildlicher Konvertit präsentierte, ihn mit Lesestoff versorgte, in die Moschee einlud. „Das war kein kalter Ort, da gab es Teppiche, Essen, einen Fremden, der mich nach Hause fuhr. Das hat sich gut angefühlt“, schilderte der Mönchengladbacher seine seelische Verfassung von damals.

Erste Zweifel
Dominic Musa Schmitz lernte die bekannten Salafisten Sven Lau und Pierre Vogel kennen. „Gott hat dich auserwählt“, waren Aussagen, die den jungen Mann mit dem geringen Selbstbewusstsein überzeugten, 2005 zum Salafismus zu konvertieren. „Das Christentum war für mich menschengemacht, ich glaubte, nur im Islam das höhere Wesen zu finden“, berichtete der heute 29-Jährige.
Dominic Musa Schmitz wurde zum Videostar der salafistischen Missionsarbeit. Erste Zweifel kamen ihm 2010. „Was hat das noch mit Gott zu tun?“, überlegte er. „Ich erkannte, dass mein Leben bis in meine Gefühle hinein diktiert wurde, und ich wollte nicht mehr hassen“, erzählte er.

Rückkehr aus der Parallelwelt
Wie viele Salafisten war Schmitz Empfänger von Sozialleistungen. Ein Sozialpädagoge gab ihm den Impuls zum Ausstieg. „Da war ein Mensch, der Dominic sah, und nicht den Menschen mit der Gebetsmühle“, beschrieb Schmitz den Wendepunkt. „Du bist Muslim, aber auch Deutscher, sei eine Brücke“, gab ihm der Mentor mit auf den Weg. Schmitz blieb Muslim. Von der Frau, mit der er im Alter von 20 Jahren verheiratet worden war, trennte er sich. Den Kontakt zu Sven Lau und Pierre Vogel brach er ab.

Präventionsangebote
Im weiteren Verlauf der Tagung stellten die Verabtwortlichen die Präventions- und Hilfsinitiativen „180° Wende“ Köln und das NRW-Programm „Wegweiser“ gegen gewaltbereiten Salafismus vor. Lehrer Bernd Ridwan Bauknecht erläuterte, inwieweit islamischer Religionsunterricht einer Radikalisierung vorbeugen kann.


Text: Ulrike Weinert
Foto(s): Ulrike Weinert