Podiumsdiskussion im Haus der Evangelischen Kirche

"Rechtspopulismus als Herausforderung für die Evangelische Kirche"

Wenn es um die von Rechtspopulisten gern beschworene Verteidigung der Werte des „christlichen Abendlandes“ geht, könnte man vermuten, dass sich neben den Katholiken, insbesondere die Gläubigen in der evangelischen Kirche angesprochen fühlen müssten.

Schließlich wurde auch die Kandidatur von Donald Trump massiv von evangelikalen Kreisen unterstützt. Und mit dem Islam hat man hierzulande eine religiöse „Konkurrenz“ vor Augen, die selbstbewusst ganz andere Positionen etwa hinsichtlich der Rolle der Frau oder der sexuellen Orientierung bezieht – und damit offensichtlich ihre Anhänger bindet. Sind Protestanten auch anfällig für Propaganda und Hetze, für Fremdenfeindlichkeit und Homophobie?

Ein eindeutiges „Ja“ zur pluralistischen Gesellschaft
Auf der Podiumsdiskussion „Rechtspopulismus als Herausforderung für die Evangelische Kirche“, die der Evangelische Kirchenverband Köln und Region in Zusammenarbeit mit der Melanchthon-Akademie und dem Kölner Stadt-Anzeiger im Haus der Evangelischen Kirche veranstaltete, lehnte Rolf Domning solche Schlussfolgerungen vehement ab: „Natürlich gab es in den Gemeinden Diskussionen nach der Silvesternacht 2015 - viele waren erschüttert“, so der Stadtsuperintendent. Doch am Bekenntnis zu einer pluralistischen Gesellschaft änderten solche Vorfälle nichts: „Die Unterstützung für Flüchtlinge in den Gemeinden ist ungebrochen. Und wer sich zu seiner Homosexualität bekennt, wird trotzdem als Presbyter gewählt. Schließlich leben auch homosexuelle Paare in unseren Pfarrwohnungen.“

Studie belegt Ressentiments bei Minderheit
Selbstverständlich sei diese Grundhaltung auch das Ergebnis eines langen Lernprozesses, der gerade in Köln zu Weltoffenheit und einem liberalen Umgang mit Fragen der sexuellen Orientierung, aber auch der Herkunft und des Glaubens geführt hätten, meinte Domning. Dazu konnte Anne Broden, Leiterin des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen, aus einer Studie zitieren, die nahelegt, dass diese Einschätzung auch die Verhältnisse bundesweit trifft: “Danach vertreten etwa 21,7 Prozent der Mitglieder der evangelischen Kirche rassistische Einstellungen, bei den Katholiken sind es 22,7 Prozent, bei den konfessionell nicht gebundenen Menschen 18,7 Prozent.”
Anne Broden, Leiterin des Infomations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit in NRW
„Mit Vorsicht zu genießen“
Solche Studien und Erhebungen seien allerdings mit Vorsicht zu genießen, warnte Broden, die Ergebnisse hingen oftmals von konkreten Fragestellungen ab. Doch auch wenn Hans-Peter Killguss, Leiter der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus im NS-Dokumentationszentrum Köln, bestätigte, dass Rassismus und Islamophobie „kein spezifisch kirchliches Problem“ seien, so bezeichnete Domning die Ergebnisse der Studie doch als „erschreckend.“
Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, sah deshalb auch keinen Grund, Entwarnung zu geben. Sie führte mit der Reaktion auf den Auftritt von Ayyub Axel Köhler vom Zentralrat der Muslime auf dem Kirchentag 2007 in Köln ein konkretes Beispiel für Islamophobie vor Ort an: „Damals herrschte regelrecht Pogromstimmung.“

Globalisierung als Ursache für radikale Tendenzen
Gerhart Baum, Bundesminister a.D. und FDP-Politiker, betonte, dass die Abkehr von der Demokratie und den Werten des Grundgesetzes nicht mehr nur Sache einer radikalen Minderheit sei, sondern die Mitte der Gesellschaft und ihre Eliten erreicht habe - eine Entwicklung, die man ähnlich in zahlreichen Ländern weltweit mache. Als Ursache nannte Baum die Globalisierung, die den Menschen das Gefühl der Identität und des gesellschaftlichen Zusammenhangs raube. Diese Verunsicherungen seien nicht allein durch Wohlstand und ökonomische Erfolge zu kompensieren. Zudem löse das Gefühl, die Politik stünde der Lösung von Problemen wie Lohndumping, Turbulenzen im Finanzsektor oder den Gefahren des internationalen Terrorismus machtlos gegenüber, erhebliche Ängste aus und mache weite Teile der Bevölkerung anfällig für die Propaganda von Rechtspopulisten.
Hans-Peter Killgus, Leiter der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus im NS-Dokumentationszentrum Köln
„Kirchen als Verbündete bei der Verteidigung des Grundgesetzes“
Baum sieht die Kirchen dabei dezidiert als „Verbündete bei der Verteidigung des Grundgesetzes“ an. Doch wie könnte diese Verteidigung konkret aussehen? Wie geht man mit Rassisten und Nationalisten um? fragte sich nicht nur Joachim Frank, Chefkorrespondent des Kölner Stadt-Anzeigers, der die Veranstaltung vor rund 120 Zuschauern moderierte. Einig war sich die Runde, dass die Berufung von Populisten und Rechtsradikalen auf ein „christliches Abendland“ keineswegs mit Achtung vor den originär christlichen Werten gleichzusetzen sei: „Die Nächstenliebe ist doch der zentrale Bestandteil unserer ethischen Ausrichtung“, stellte Rolf Domning klar. „Sonst kann ich Jesus gleich aus der Kirche rauswerfen.“

Domning fordert: „Klare Kante zeigen“
Der Stadtsuperintendent setzt auf Begegnungen - mit Flüchtlingen zum Beispiel, aber auch bei Moschee-Besuchen. Schließlich belegten Studien ein scheinbares Paradox, wonach Rassismus dort am stärksten grassiere, wo kaum Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund lebten und somit kein direkter Kontakt möglich sei. Im Gespräch mit den heimischen Gemeinden empfiehlt Domning, ein offenes Ohr für die Menschen und ihre Sorgen zu haben, aber „stets klare Kante“ zu zeigen.
Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags
Dialog mit Rechtspopulisten?
Bei der Frage, ob auch der Dialog mit Rechtspopulisten gesucht werden sollte, blieb der Stadtsuperintendent skeptisch: „Zu einer politischen Diskussion zum Beispiel einen AfD-Politiker einzuladen, fände ich schwierig.“ Auch Hans-Peter Killguss trat für eine „Grenze der Dialogbereitschaft“ ein. Er zitierte Rainer Maria Kardinal Woelki: „Die Kirche ist offen für alle, nicht für alles.“ Bei der Gratwanderung zwischen Gesprächsbereitschaft und dem Risiko, unsäglichen Ansichten ein Podium zu bieten, geht Generalsekretärin Ueberschär einen anderen Weg: Auf dem kommenden Evangelischen Kirchentag vom 24. bis zum 28. Mai in Berlin soll die Bundessprecherin der "Christen in der AfD", Anette Schultner, an einer Podiumsdiskussion mit dem Berliner Landesbischof Markus Dröge und der Journalistin Liane Bednarz teilnehmen.

„Ansporn, endlich aufzuwachen“
So oder so, zur Resignation sahen die Diskussionsteilnehmer keinen Anlass. Auf Joachim Franks Schlussfrage, ob der Wahlerfolg von Donald Trump in den USA einen Einfluss auf die Debatte hierzulande habe, meinte der FDP-Politiker Baum: „Das kann ein Ansporn sein, endlich aufzuwachen.“ Stadtsuperintendent Domning baute darauf auf und berichtete von einer Gruppe in einem evangelischen Jugendzentrum, die das Wahlergebnis zum Anlass genommen hatte, sich intensiv mit dem Thema „Demokratie“ auseinanderzusetzen: „So hat das auch einen positiven Effekt“, folgerte er.


Text: Hans-Willi Hermans
Foto(s): Anna Siggelkow