150 Jahre Ernst Barlach: Drei Plastiken des bedeutenden Bildhauers befinden sich in der evangelischen AntoniterCityKirche in Köln. Darunter der Zweitguss des „Güstrower Ehrenmals“.

„Schweigend“ und doch so bedeutungsvoll hängt die überlebensgroße bronzene Gestalt waagerecht im Seitenchor der evangelischen AntoniterCityKirche auf der Schildergasse in Köln. Verinnerlichung – offenbar dem Irdischen, dem Jetzt entrückt – kennzeichnet die Plastik mit dem Antlitz der Künstlerin Käthe Kollwitz. Es handelt sich um den zweiten Guss des „Güstrower Ehrenmals“, eines der Hauptwerke von Ernst Barlach.

Über Ernst Barlach

Er zählt zu den bedeutendsten Bildhauern und Graphikern der Klassischen Moderne. Hoch geschätzt sind ebenso seine Dramen und Prosatexte. Im holsteinischen Wedel am 2. Januar 1870 geboren und am 24. Oktober 1938 in einer Rostocker Klinik verstorben, wird in diesem Jahr mit verschiedenen Veranstaltungen insbesondere in Wedel, Hamburg und Güstrow seines 150. Geburtstages gedacht.

Im mecklenburgischen Güstrow lebte und arbeitete Barlach von 1910 bis zu seinem Tod. Explizit für die 700-Jahr-Feier des gotischen Domes in der Kleinstadt schuf er das den Gefallenen des Ersten Weltkrieges gewidmete Ehrenmal. 1927 installiert, wurde „Der Schwebende“ beziehungsweise der „Engel“, wie die Arbeit auch genannt wird, 1937 aus dem Dom entfernt und 1941 eingeschmolzen. Früh schon sah sich Barlach mit Kritik an der Gestaltung konfrontiert. Eine Glorifizierung von Krieg und Heldentum sucht man im „Güstrower Ehrenmal“ vergeblich. Stattdessen erinnert es an das Grauen, an die Not und den Tod im Krieg. Die Gedanken des „Schwebenden“, so sein Schöpfer, „sind bei den Opfern des Krieges, seine Augen sind geschlossen, nichts lenkt ihn ab von seinem Erinnern“.

„Es galt mir, eine schwer ruhende Unbeweglichkeit als Ausdruck nie versiegenden Grams, hängend, weil der irdischen Bedingtheit entrückt, in den Brennpunkt einer ziemlich kleinen und nur zur Dämmerung erhellten Seitenkapelle des Domes zu bannen“, erläuterte Barlach 1929 einem Freund. „Alles diente dem Wunsch, eine Abgewandtheit aus der Gegenwart hin in die Zeit des unerhörten Geschehens glaubhaft zu machen, die schmerzliche Erinnerung schlechthin zu symbolisieren (…) Es war mir bewusst, dass ich eine Erstarrtheit in vollkommener Entrücktheit, gewissermaßen Kristallisierung der Vorstellung von ewiger Dauer formen musste, um der Größe der Aufgabe gerecht zu werden.“

Der Schwebende

Im Nationalsozialismus wurde auch Barlachs bildhauerisches und graphisches Werk als „entartete Kunst“ diffamiert. Fast 400 seiner Arbeiten wurden von öffentlichen Plätzen und aus Museen entfernt. Anfang 1939 realisierten ehemalige Mitarbeiter und Freunde des verstorbenen Künstlers einen Zweitguss des „Engels“. Dafür konnten sie auf das originale gipserne Werkmodell zurückgreifen, das 1944 bei einem Luftangriff zerstört wurde. Der Zweitguss überdauerte das Regime in einem Versteck in Schnega am Rand der Lüneburger Heide. Später zum Kauf angeboten, konnte das 250 Kilogramm schwere Ehrenmal mit Hilfe großzügiger Spenden von Kölner Unternehmen und Bürgern für die nach schwerer Kriegsbeschädigung wieder aufgebaute Antoniterkirche erworben werden. Bereits zur Wiedereinweihung im Mai 1952 hing es an seinem heutigen Platz. Zwei Monate zuvor war nach einer Abformung des Zweitgusses der für den Dom in Güstrow bestimmte Nachguss entstanden.

„Dass ´Der Schwebende´ in der Antoniterkirche hängt, mahnt die Gemeinde immer wieder neu, solches Unrecht wie es in der Diktatur des ´Dritten Reiches´ stattgefunden hat, niemals mehr zuzulassen und stets wachsam zu sein“, sagt Markus Herzberg, Pfarrer der AntoniterCityKirche.

„Deshalb wurden auch die hinzugefügten Jahreszahlen des Zweiten Weltkrieges auf dem Gedenkstein unter dem Schwebenden auf 1933–1945 erweitert, um so alle Opfer der Diktatur und des Unrechts mit in das Gedenken hineinzunehmen.“ Auch für Herzberg hat der „Engel“ eine ganz besondere Ausstrahlung: „Zum einen sieht man ihm die Schrecken an, die er im Kriegstreiben der Menschen scheinbar gesehen hat, zum anderen scheint er unglaublich ruhig zu sein und lässt die Betrachtenden ebenfalls zur Ruhe kommen.“

Barlachs Werke in der AntoniterCityKirche

Seit 2011 befinden sich zwei weitere Bronzeplastiken Barlachs in der Antoniterkirche. Das Kruzifix II wurde 1918 zunächst in Gips modelliert. Es handelt sich um den zweiten Entwurf für einen Wettbewerb des preußischen Kultusministeriums. Dieser galt der Suche nach einem Kruzifix, das in hoher Zahl als Eisenguss auf Gräbern von deutschen Soldaten platziert werden sollte. Trotz Einstellung des Wettbewerbs vollendete Barlach das Werk; tatsächlich in der Form ohne vertikalen und horizontalen Balken. Das 2004 nachgegossene Exemplar in der Antoniterkirche wurde vom Ehepaar Dr. Mariana Hanstein und Professor Henrik Hanstein gestiftet.

Ebenfalls in Gips arbeitete Barlach 1931 den „Lehrenden Christus“. 1938 entstand ein erster Bronzeguss. Das Exemplar in der Kölner Kirche gehört zu den wenigen unnumerierten Nachgüssen nach 1950. Markus Herzberg empfindet es als „ein großes Geschenk, dass es uns gelungen ist, das bekannteste Werk Barlachs um zweite weitere zu ergänzen“. Den Gekreuzigten und den „Lehrenden Christus“ habe man ganz bewusst im rechten Seitenschiff so platziert, dass beide Kunstwerke einander zugewandt seien. „So soll deutlich werden, dass man den Tod Christi am Kreuz nicht verstehen kann ohne das Leben Jesu zu betrachten, und andersherum kann man das Leben Jesu nicht richtig deuten und verstehen, wenn man nicht sein Werk der Liebe am Kreuz nachvollzieht.“


Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich

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